Sleeper Trains in #India

Unsere erste Nachtzugfahrt im Sleeper: Delhi-Varanasi, 12h+. Richtig, ich war schon in einem Nachtzug und zwar alleine von Alleppey nach Bangalore für 11h. Aber das war die Klasse: 3AC (3 Beds, AirCon – noch besser ist 2AC). Also Klimaanlage, einigermassen Laken zum freiwillig nutzen, schön abgedunkelt, halbwegs ein Kissen und 3 Betten übereinander, die aber alle reservierte Nummern waren. Nur wer ein Platz hatte, kam in diese Wagons rein. Ich habe tatsächlich 11h durchgepennt 🙂 Prädikat: Qualitätsschlaf.

Die Klasse Sleeper ist die billigste, hat keine Klimaanlage, und jeder versucht hier sein Glück. Auch hier gibt’s reservierte Schlafplätze, solange aber niemand da sitzt, machen sich alle überall breit. Und alle bedeutet, so richtig viele Menschen. Ihr habt mich oft gefragt: Sitzen alle auf den Zugdächern? Nein, nicht in unseren Zügen und bei keinen anderen, die ich gesehen hätte 😉 Aber die Sleeper sind echt eine Nummer für sich. Wir mussten in Delhi erstmal alle, die sich an unseren Plätzen breit gemacht hatten, wegscheuchen und unser Revier markieren. Wenn man in Indien nicht ganz klar für sein Recht kämpft, macht jeder was er will. Aber wirklich immer und wirklich jeder. Auch hier besteht ein Abteil aus genau denselben sechs Betten, je drei pro Seite übereinander, das tiefste wird tagsüber als Sitzbank genutzt. Eine Inderin hatte auf einer Seite das oberste Bett und die übrigen fünf waren unsere.

Unsere grossen Rucksäcke packten wir unter die Sitzbänke bzw. unter mein und Oli’s Bett. Wir waren quasi „verantwortlich“. Die kleinen Rucksäckli nutzten wir als Kissen (ja Kamera, Trinkflasche, Brillenetui und Co. sind ganz bequem, momol.) Wir dachten, der Zug sei, da mit so vielen Menschen vollgepfercht, recht warm. Falsch gedacht. Es war affenkalt und durch die klapprigen Fenster zog ein Eiswind und ein Toooodeslärm, wenn der Zug eine enge Stelle passierte oder hupte. Oli und ich waren zu unterst, Ruby und Simon in der Mitte und Strub schnappte sich schon bei der Ankunft das oberste Bettchen. Wir waren alle ziemlich eingepackt mit Klamotten und Jacken und unseren Seidenschlafsäckchen, die gegen die Kälte natürlich genau gar nix brachten. Es war aber nicht nur laut und kalt, sondern es brannte auch noch die ganze Nacht das Licht. Beste Voraussetzungen für einen erholsamen Schlaf 😉

Irgendwann schliefen wir dann wohl doch ein, denn plötzlich wachte ich auf, weil irgendwer irgendwen anschrie. Ich öffnete ein halbes Auge und merkte: Da sassen 2 Kinder auf meinen Füssen und zwei Erwachsene beim Oli drüben und hinten diskutierte eine Frau mit dem Kontrolleur und ein weiterer mischte sich ein. Irgendwann schnallte ich, dass Ruby oberhalb von mir auch ganz aktiv mitlauschte. Irgendwie wollte ich die Kinder runterschmeissen, weil ich dieser Sache nicht ganz traute, doch ich beliess es dann doch bei einem Grummeln. Als ich das nächste Mal aufwachte, lag eine kugelrunde Frau auf Tüchern und Taschen neben mir am Boden.  Und irgendwann schnallte ich: Da schaut mich auch noch ein Kind an, das halbwegs unter der Frau liegt. Mein Herz ganz kurz in der Hose. Oh Mann. So ist das wirklich: Wo es einen Quadratmeter gibt, da sehen die gleich das Potential. Aber es ist eigentlich echt nur mega traurig, dass sie da mit ihrem Jungen schlafen musste. Deshalb haben wir die beiden dann am morgen auf unsere Bänke zum Sitzen eingeladen, Oli hat ihnen einen warmen Chai spendiert und ich habe ihnen das Cola weitergeschenkt, welches wir von der Familie in Delhi erhalten haben.  (Cola war lieb gemeint, doch Williams-Schnaps hatten wir stets zur Hand, um den Magenproblemen vorzubeugen;-) )

Ebenso für unglaublich erschreckendes Erwachen hatten gelegentlich andere Züge gesorgt: Denn wenn ein anderer Zug den unseren kreuzte, dann gab das so einen Lärm und Druck aufgrund des Luftzugs durch das Fenster zu unseren Köpfen, dass es mich jeweils fast von der Bank gefegt hätte. Aber auch das haben wir überlebt. Die einen wickelten sich ganze Pullover oder Regenjacken um den Kopf, andere nutzen Kapuzen und stülpten den Schlafsack bis ganz weit über den Kopf (mein Fall). Die Regenjacke brauchte ich als zweite Decke bzw. Windschutz. haha. Ganz schön improvisiert, aber hat bestens geklappt.

Als alle aus dem Winterschlaf aufgewacht sind, haben wir angefangen zu jassen, weil der Zug eh 4h Verspätung hatte. Neben uns versammelten sich immer mehr Inder, um uns zu beobachten. Sie versuchen auch gar nicht, das zu verstecken. Es wird aktiv und ganz offensichtlich geschaut, über uns gesprochen, ja es werden auch Fotos und Videos gedreht. Irgendwann sind wir dann ins Gespräch gekommen mit den Studenten, die jede Woche den Zug nach Varanasi zur Uni nehmen. Wir haben ein Lied für sie gesungen, sie eines für uns. Selfies hier, Selfies da. Jeder Inder will Selfies mit Weissen. Noch so ein Phänomen, an dem man schlichtweg nicht vorbei kommt. Doch als wir dann echt hangry hungrig wurden, boten sie uns Snacks an, was wirklich lieb war 🙂 Alles in allem eine nette und lustige Zugfahrt.

Für Nummer Zwei der Sleeper Train Zugfahrten von Varanasi nach Agra haben wir uns dann etwas besser ausgerüstet: Wollschals als Decken, Snacks und Getränke für die Fahrt und genügend Toilettenpapier für alle Fälle und Verspätungen waren eingepackt. Alles lief rund, bis morgens der Erste anfing zu kränkeln: Oli musste sich übergeben. Und so ein Zug-WC im Sleeper Train ist wirklich herzlich bemüht, einem das Kötzeln leicht zu machen. Es ist wirklich sowas vom Niedersten. Falls dir das Kötzeln schwer fällt, dann wart nur ab, bis du da drin stehst und der Strahl will nur noch raus. Whatever. Aber gemäss Oli geht’s notfalls auch gar nicht schlecht, direkt aus dem Zug raus zu reihern oder bei den meist etwas verlassenen, heruntergekommenen Bahnhöfen, an denen sich eh schon zahlreiche Körperflüssigkeiten versammelten.

Vorerst aber genug zu unseren Krankheitsgeschichten. Zugfahren in Indien ist meiner Meinung nach ein Muss und kein Grund zur Sorge. Es ist ein wichtiges Erlebnis, vorallem in der Sleeperklasse. Ich bin froh, habe ich für mich allein im Süden die 3AC gehabt, aber für ein anderes Mal, würde ich wohl wieder Sleeper nehmen, denn der Preis und das Erlebnis für die Dauer der Reise und inklusive Übernachtung sind einfach nur unschlagbar, wenn nicht gleich lächerlich.

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Ausblick im Gang
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Gruppenselfie mit den Studenten
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