Phnom Penh #Cambodia

Bis vor kurzem hatte ich zu Phnom Penh keine konkreten Vorstellungen. Eine asiatische Megacity? Wie viele leben da überhaupt? Ein bisschen indisches Chaos? Ein Mini-Bangkok? Ich habe mich null auf die Haupstadt Kambodschas vorbereitet. Im Bus von Siem Reap nach PP haben wir dann Angelina Jolie’s Film „First they killed my father“ geschaut und ich realisierte, dass PP wohl eine der wichtigsten „Sehenswürdigkeiten“ in Kambodscha ist. Nicht der Stadt wegen, nicht des Essens wegen, und nicht aufgrund irgendwelcher Naturspektakel, sondern der Geschichte wegen.

Der Krieg in Kambodscha ist knapp 40 Jahre her und wird in Phnom Penh im Genozidmuseum sowie bei den Killing Fields haarsträubend beschrieben. Kurze Zusammenfassung: In Kambodscha gab es um 1975 einen verheerenden Bürgerkrieg. Unter Pol Pet wollten die Khmer Rouge den Kommunismus durchsetzen und es wurde skrupellos gewütet. Menschen wurden aus ihrem Zuhause vertrieben, in Arbeitslager gesteckt oder Staatsangestellte, Gebildete wie Lehrer oder ganz eifach Brillenträger (wird mit Intelligenz assoziiert) wurden mitsamt ihren Familien ermordet. Kommt uns aus dem Deutschland vom 2. Weltkrieg bekannt vor. Im Tuol Sleng Museum in PP ist man dem Schrecken so nah, wie man sich das gar nicht vorstellen kann. Die ehemalige High School wurde zu einem geheimen Kriegsgefängnis umfunktioniert. Man wurde dort so lange gefoltert, bis man irgendwelche Kriegsverbrechen oder Zugehörigkeiten zu CIA oder Anti-Kommunismus Kommitees gestand und dann (meist) bei den Killing Fields ermordet. Wir haben uns im Museum die Audiotour durch die Räume angehört und alle Räume besucht. Schon beim ersten Raum sind mir die Tränen nur so runtergelaufen. Die Blutflecken haben sich in den Stein eingefressen. Die Eisenbetter mit „Festschnall“-Funktion stehen noch an Ort und Stelle. An der Wand hängt ein Bild, wie es in jenem Moment dokumentiert wurde, als das Gefängnis nach Ende des Krieges entdeckt wurde. Nicht selten noch mit Leichen oder anderen menschlichen Überresten. In den weiteren Räumen reihen sich tausende Fotos aneinander. Fotos von Opfern, Geschichten von Opfern und ganz wenigen Überlebenden. Nach dem tausendsten Gesicht, dass mit einer „Gefängniskartei“ von der Wand starrt, war mir einfach nur noch schlecht. Nochmals maximal geheult hatte ich bei der Geschichte eines Neuseeländers, der mit einem Segelschiff auf Reisen war und aufgrund schlechter Witterung in die kambodschanische Meereszone reinsegelte. Auch er wurde nach Tuol Sleng verlegt, gefoltert und gezwungen, ein Geständnis abzuliefern. Das Geständnis spickte er mit Geheimcodes und Abkürzungen für Familie, Mutter und Freunde. Er wusste wohl, dass dies das Ende ist. Und so konnte er immerhin eine Botschaft hinterlassen, falls das Ganze irgendwann gefunden würde. Im Audioguide spricht der Bruder, wie er zuerst ewig nichts über die Verschollenheit seines Bruders erfuhr und dann die grausame Wahrheit aus einer Zeitung lesen musste. Er selbst war bei der Verhandlung von Pol Pet dabei und hat eine Rede vorgelesen, da nimmts selbst den emotionslosesten Menschen. Das Museum ist ganz allgemein wirklich nichts für schwache Nerven und ich habe ein Nastüechli nach dem anderen durchgewässert. Auch jetzt wird mir nochmals ganz anders, wenn ich das hier schreibe.

Am allerheftigsten ist für mich aber schlichtweg die Tatsache, dass so viele erwachsene Menschen, die heute noch „ein ganz normales Leben“ führen können / sollen / dürfen, diese ganze Katastrophe hautnah miterlebt hatten. Jedesmal wenn ich einen älteren Mann oder eine alte Frau sehe, schiessen mir die Bilder vom Museum und vom Film in den Kopf und ich könnte wieder losheulen. Diese Leute waren mittendrin. Klar sind mir die Geschichte Deutschlands und die nicht weniger grausamen Taten unter Hitler bestens bekannt. Ich denke, wäre ich in einem Konzentrationslager wie Auschwitz zu Besuch, wäre es mir nicht anders gegangen. Wenn ich dann in den News lese, dass in Deutschland wieder so eine krasse Rechtszene am Aufkommen ist, dann läuft mir der Schauer nur so den Rücken runter. Dasselbe in Kambodscha: Regiert wird das Land immer noch als Diktatur und der Machthabende war Teil der Khmer Rouge.

Eine gute Frage hat auch Luka gestellt: Pol Pet war ein „junger Mann“ aus dem ländlichen Kambodscha. Woher konnte dieser Mann so viele Waffen und damit so viel Macht erlangen? Ohne ausländisches Kriegsmaterial wäre sowas fast gar nicht möglich gewesen. Und dann haut’s mich auch gleich zurück in die Schweiz. Das Thema zu den Kriegsmaterialexporten zu verfolgen, da schauerts mich immermal wieder. Vorallem bei den Kommentarsektionen. Dann kann man sich ja noch lang „neutral“ heucheln. Indirekt oder gar direkt unterstützt man mit dieser Industrie IMMER Situationen, die man in anderen Ländern dann als neutraler Tourist in einem solchen Museum „begutachten“ kann. Ich möchte nicht in 20 Jahren im Land X im traurigsten Kriegsmuseum stehen und über einen Massenmord lesen, der zwar „einer extremistischen Gruppe Sowieso“ zugeschrieben wird und dann aber im Hintergrund wissen, dass wir Schweizer die Munition für diesen ganzen S****** geliefert haben.

Wem die heutige Situation in Kambodscha zu verdanken (oder zu verschulden) ist, ist wohl eine komplizierte Frage. Zu viele hatten und haben ihre Finger im Spiel. Und da fällt mir ein, was Johann in Flores predigte: The past is the past, you can’t change it. Oder in seinem französischen Akzent: Se past is se past. Wenn man anfängt, daran rumzustudieren, wird man nie ein Ende und erst Recht nie mehr den Glauben daran finden, dass es auf dieser Welt irgendwann für alle fair zu und her geht. Deshalb möchte ich weg kommen von der Schuldfrage. Klar ist ein gewisses Grundwissen der Vergangenheit relevant, um die heutige Situation zu verstehen. Aber Ziel ist, dass man vorwärts schaut. Und Gutes tut. Als Individuum. Deshalb zog es uns aus Phnom Penh in Richtung Süden…

PS. Wenn ihr in PP seid: Besucht das Sabay Vegiliciou Restaurant. Die Besitzer führten einst ein Hundefleisch Resti und sind jetzt zu Veganern mutiert. Das war tatsächlich ein kleiner Aufsteller zwischen all dem Drama in PP. 

PS2. Keine Fotos aus dem Museum / Killing Fields.

 

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