Silber in Potosi #Bolivia

In Uyuni selbst sollte man gar nicht zu viel Zeit verbringen, denn die Stadt ist echt nicht einladend und eher eine unfertige Baustelle, als etwas anderes. Leider. Deshalb setzte ich mich am nächsten Morgen in den ersten Bus nach Potosi. Eine Stadt mit trauriger Geschichte. Doch zuerst eine lustige Geschichte:

Der Bus nach Potosi dauerte ca. vier Stunden. Normalerweise haben diese „längeren“ Busse immer – wirklich ausnahmslos immer – eine Toilette. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass vier Stunden verhältnismässig halt echt ein saukurzes Busvergnügen ist. Doch meine Mitfahrenden und ich haben nicht viel überlegt und nach ca. 2,5 Stunden standen diverse Blasen vor dem Platzen. Doch der eigentliche Grund, warum der Busfahrer mitten im Niemandsland hielt, war ein armer Franzose. Der junge Mann war so krank und musste kotzen gehen. Der Bus hielt also, der Franzose legte eine Pizza neben den Bus (#pizzne) und vier Ladies und ich standen daneben und fragten uns: Können wir hier irgendwie pinkeln?! Es gibt weit und breit kein Haus, kein Busch, nix. Nur Wüste. Und Potosi ist noch zu weit weg, um durchzuhalten. Der Busfahrer navigierte uns in Richtung „hinter den Bus“. Und da standen wir, zu viert, und pinkelten hinter dem Bus auf den Asphalt. Ziemlich niveauvoll wiedermal hier bei mir… Immerhin hani no immer e Rolle WC Papier debi ^^ Aber wohi demit..? Kei detail, guet bhalti immer Plastiksäckli, wenni die irgendwo ungewollt bechume. Für Notfäll und so. Het sich glohnt.

Nun, zurück im Bus geht die Fahrt weiter und in Potosi steigen eigentlich nur eine andere junge Reisende und ich aus. Ich packe meine sieben Sachen und quatsche sie an, wohin sie müsse, ob wir ein Taxi teilen sollen. Wir checken die Hostels und siehe da: Gleich nebeneinander. Wir hüpfen ins Taxi und dann so fünf Minuten später, fragt sie mich: „Where are you from?“ Ich: „Switzerland“ „What?! Me too!“ „hää, eh nöd! woher?“ „Uetikon!“ „Whaat, ich Rapperswil!“ lololol. Grosses Gelächter. Katharina heisst sie, 23 und supercool, super chillig und sie ist mittlerweile eine gute Freundin geworden. Denn wer sich beim Pinkeln kennenlernt, nun, der bondet wohl für immer. LOL.

Aber zurück zu Posoti. Wenn man in die Stadt einfährt, fragt man sich, ob hier eigentlich wirklich keiner sein Haus fertigbaut. Alles scheint eine ewige Baustelle zu sein. Trotzdem leben die Menschen bereits in den „unfertigen“ Häusern. Der Stadtkern selbst ist aber besonders hübsch. Diverse Bauten im Kolonialstil, alles sauber geputzt, hübscht bemalt und schön gepflegt. Im ernsten Moment denkt man da – hü? Voll das Tourizentrum? Aber genaugenommen ist das Zentrum der Spiegel der Vergangenheit. Denn einst war Potosi eine reiche Stadt. Warum?

Silber, Silber, Silber

Potosi ist auch das Zuhause des Berges „Cerro Rico“, einem Berg, aus dem das Silber im 16. Jahrhundert nur so „rausgeschmolzen“ sein soll. Die Spanier haben dieses entdeckt und damals einen riesigen Silberrausch ausgelöst. Einen, der zig Nationen anzog, um den grossen Reichtum auf Kosten Boliviens zu erreichen. Das war der Start einer jahrhundertelangen, heute noch stattfindenden Ausbeutung.

Der Abbau von Silber findet nämlich in einer Mine statt, die in den Berg reingebaut wurde. Genaugenommen mehrere Minen. Noch heute sind diese in Betrieb, nämlich unter der Führung von verschiedenen Kooperationen. Wir gingen mit einem ehemaligen Minenarbeiter in die Mine rein. Jap, so eine Aktion erzähle ich dem Mami erst, wenns überstanden ist. Denn ich muss ehrlich zugeben: Wiederholen würde ich es nicht.

Bevor es zur eigentlichen Miene ging, kauften wir an einem Strassenstand Getränke und Snacks für die Mienenarbeiter. 7900 Mienenarbeiter arbeiten hier! Wer will, konnte auch Dynamit kaufen, um entweder selbst zu sprengen (dumme Idee) oder es den Mienenarbeitern zu schenken. Denn: Diese müssen ihr Dynamit selbst kaufen. Jeder kommt mit seinem Material rein und arbeitet für eine der Kooperationen, an die er dann einen Anteil vom Gewinn bezahlen muss. Kommt immer darauf an, wie rein das Silber oder andere Stoffe sind, die abgebaut wurden. Beliebt sind hier auch die Coca-Blätter. Wenn man diese kaut, soll es angeblich gegen Höhenkrankheit helfen. Die Mienenarbeiter glauben aber auch, dass es einen Filter gegen die Feinstaub-Verpestung in der Miene ist. Und kauen wie wild.

Dann fahren wir aus der Stadt raus, hoch auf den Berg. Mit jedem Meter wird die Umgebung ärmer. Die Häuser sind wieder unfertig. Kinder spielen draussen mit PET-Flaschen und kaputten Spielzeugen. Hunde überall. Dann kommen wir an. Ein Loch im Berg.

In „Minenuniform“ bekleidet kletterten wir zuerst einen schrecklichen, engen dunklen Tunneleingang runter. Dann gings hunderte Meter weiter rein und weiter runter. Mir war himmelelend, bis ich mich nach 10 Minuten etwas daran gewöhnen konnte. Die Erklärungen von unserem Tourguide waren wahnsinnig spannend, da er selbst früher ein Mienenarbeiter war. Mit 14 habe er begonnen in der Miene zu arbeiten wie sein Vater und Grossvater. Aber er war der letzte seiner Familie, der den Absprung aus dem Mienenbusiness geschafft hat. Alle anderen sind verstorben. Die Lebenserwartung eines Mienenarbeiters liegt bei plusminus 45 Jahren. Normalerweise handelt es sich um Krebs oder Infektionen, doch es gibt auch saisonale Einflüsse. Am meisten Arbeiter versterben offenbar zwischen Dezember und Februar, weil dann die Regenfluten alles schliefrig machen und die Mienengänge teils geflutet werden.

Die Mienenarbeiter wissen, wie gefährlich ihr Leben ist. Aber sie vertrauen auch auf Pachamama. Unter den indigenen Völkern Quechua und Aymara ist sie die Göttin Nr. 1, die allen Kreaturen Leben schenkt. Die Mienenarbeiter haben nebst der Pachamama noch dein El Tio, den Gott der Unterwelt. Immer am ersten (dabei beten sie ihn um „Sicherheit und Schutz“) und letzten (dabei bedanken sie sich bei ihm) Freitag des Monats wird El Tio gefeiert, geehrt und genährt. Mit Zigaretten, Alkohol und Cocablättern. Aber auch mit Guetzli und Co.

Für die Sicherheit wird also auf El Tio vertraut. Sehr interessant, denn in der Tat tragen die Mienenarbeiter ja keine Filtermasken, kaum Helme und ein paar Holzbalken ab und zu zum Schutz vor einem Einsturz? Ehm ja. No comment.

Zwei Themen fand ich dann noch spannend: Eine Ausbildung gibts nämlich hier nicht. Wer in der Miene arbeitet, lernt von der älteren Generation. Die Familien hier haben teils keine andere Option, nie was anderes gemacht. Wenn sie einen anderen Job möchten, müssten sie wegziehen und neu anfangen. Doch was tun, an einem neuen Ort ohne Geld und ohne Ausbildung? Aber: Nicht alle Mienenarbeiter sind mausarm. Es gibt auch jene, die ein wahnsinns Geld in der Miene machten und in La Paz einen ganzen Villenhügel besiedeln. Tja, es bleibt auch hier: Unfair.

Unfair finde ich das ganze Prinzip nämlich sowieso. Boliviens Natur und die Menschen werden ausgebeutet. Und wofür? Die Rohstoffe der Mienen werden nach Malaysia und China exportiert und in Microchips für unsere Kameras, Handys, Laptops und Co. verarbeitet. Das ganze wiederspiegelt wiedermal das System, die Ungleichheit und die Wertschöpfungskette eines Produktes, das wir viel zu wenig hinterfragen. Ich sitze hier mit Laptop, Telefon, Kamera und einem eReader in der Tasche. Wo wohl all die Teile hergekommen sind? Ob einer dafür sterben musste? Solche Fragen sind nicht nur „Übertreibung“. Leider.

PS. Ich werde euch bald updaten, warum ich hier so lange keine Zeit zum Schreiben hatte 😉

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Der Mineneingang

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el Tio
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not happy
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el Tio

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Unser Guide mit Coca Blättern, Dynamit und tausigprozentigem Alkohol
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1 Kommentar zu „Silber in Potosi #Bolivia“

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